Staffel 1 · Kapitel 6
Der Wald
Wenig später standen wir wieder auf dem Hof. Die Sonne war höher, aber der Morgen blieb kühl. Vor dem Wald sammelten sich drei Klassen. Lehrer sprachen miteinander, als wäre das alles…
Wenig später standen wir wieder auf dem Hof. Die Sonne war höher, aber der Morgen blieb kühl. Vor dem Wald sammelten sich drei Klassen. Lehrer sprachen miteinander, als wäre das alles gewöhnlich. Für die Schüler war es das nicht. Man hörte es daran, dass sie zu viel redeten oder gar nicht.
Der Wald begann hinter einer niedrigen Steinmauer. Kein Zaun. Kein Tor. Nur eine Grenze, die niemand überschritt, bevor die Lehrer es erlaubten. Die Bäume standen dicht, aber nicht wild. Ihre Stämme waren alt, die Rinde dunkel und tief gefurcht. Zwischen ihnen lagen schmale Wege, von denen keiner besonders einladend aussah.
Holt trat vor unsere Klasse.
Darian Holt„Ihr sucht einen markierten Kern. Er liegt nicht weit im Wald, aber weit genug, damit ihr euch nicht darauf verlassen könnt, dass jemand euch jede Entscheidung abnimmt. Ihr bleibt zusammen, bis ich etwas anderes sage. Niemand rennt voraus. Niemand spielt Held. Wer etwas bemerkt, sagt es. Wer nichts bemerkt, tut wenigstens nicht so.“
Elias„Was ist ein markierter Kern?“, fragte ich leise.
Mara antwortete ebenso leise. „Ein Waldfund. Man benutzt sie später für Übungen. Manche reagieren auf Gruppen. Manche auf einzelne Schüler.“
Elias„Und woran erkennt man ihn?“
Mara„Wenn du ihn falsch anfasst, vermutlich daran, dass du es bereust.“
Mein Blick blieb an ihr hängen.
Sie zuckte mit einer Schulter. „Das war keine offizielle Erklärung.“
Holt hob die Hand. Die Gespräche verstummten.
Darian Holt„Los.“
Die ersten beiden Schritte in den Wald fühlten sich nicht besonders an. Erst nach einigen Metern fiel auf, dass die Geräusche vom Hof verschwunden waren. Nicht leiser. Weg. Hinter uns lagen noch immer Licht und Stein, doch zwischen den Bäumen galt eine andere Ordnung.
Der Boden war weich. Moos schluckte unsere Schritte. Kleine Äste bewegten sich, obwohl kein Wind ging. Irgendwo tropfte Wasser in einem regelmäßigen Takt, der nicht zu unseren Schritten passte.
Die Klasse hielt an der ersten Weggabelung an.
Bren„Links“, sagte ein breiter Schüler mit kurz geschnittenem Haar. „Der Weg ist freier.“
Nera„Rechts sind Markierungen in der Rinde“, sagte ein Mädchen mit Sommersprossen.
Bren„Das sind Kratzer.“
Nera„Nein, das sind Zeichen.“
Bren„Dann geh du rechts.“
Nera„Wir sollen zusammenbleiben.“
Es dauerte keine Minute, bis aus einer Aufgabe ein Streit wurde. Nicht laut, nicht ernsthaft, aber genug, um die Gruppe auseinanderzuziehen. Zwei gingen schon ein paar Schritte links. Das Mädchen mit den Sommersprossen blieb rechts stehen und sah so aus, als würde sie lieber allein richtig liegen als gemeinsam falsch.
Mara kniete sich vor einen Stein am Weg. Sie berührte ihn nicht, sondern hielt die Hand knapp darüber.
Mara„Hier sind beide Wege benutzt worden“, sagte sie. „Aber rechts ist frischer.“
Der breite Schüler schnaubte. „Und das weißt du, weil der Stein es dir erzählt hat?“
Mara„Nein. Weil das Moos links an den Rändern wieder hochsteht. Rechts ist es platt.“
Er sagte nichts mehr. Nicht, weil er überzeugt war, sondern weil er keine schnelle Antwort fand.
Wir gingen rechts.
Nach zehn Minuten wusste niemand mehr genau, wo der Hof lag. Nach fünfzehn Minuten war aus der Klasse keine Gruppe geworden, aber immerhin ein Haufen, der sich in dieselbe Richtung bewegte. Es zeigte sich schnell, wer was konnte, auch ohne dass jemand ein Wort dafür verwendete.
Der breite Schüler, der links hatte gehen wollen, stellte sich immer nach vorne, wenn ein Weg eng wurde. Nicht aus Rücksicht, eher aus Gewohnheit. Aber als ein Ast zurückschnellte, fing er ihn ab, bevor er einem Kleineren ins Gesicht schlug.
Das Mädchen mit den Sommersprossen entdeckte Zeichen, die leicht zu übersehen waren: Kerben in Rinde, gebrochene Halme, eine Stelle, an der der Boden zu glatt wirkte.
Ein stiller Junge aus der zweiten Reihe bemerkte als Erster, dass einer der Schüler zu flach atmete. Er legte ihm die Hand zwischen die Schulterblätter und redete so ruhig mit ihm, dass der Junge wieder Luft bekam, ohne dass die ganze Klasse stehen bleiben musste.
Und Mara sah Wege, bevor sie Wege wurden.
Sie ging nicht vorne. Sie ging dort, wo die Gruppe einen Blick brauchte. Manchmal an der Seite. Manchmal neben mir. Manchmal zwei Schritte zurück. Wenn sie etwas bemerkte, sagte sie es nicht sofort. Sie wartete, bis sie sicher war.
Elias„Du beobachtest alle“, sagte ich.
Mara„Jemand muss es tun.“
Elias„Warum?“
Mara„Weil die meisten nur sich selbst beobachten, wenn sie Angst haben.“
Das hätte arrogant klingen können. Bei ihr klang es müde.
Ein Rascheln lief durch das Unterholz. Die Klasse blieb stehen. Etwas bewegte sich zwischen den Wurzeln, zu schnell für einen Fuchs, zu niedrig für einen Menschen. Der breite Schüler trat vor, hob einen Ast wie eine Waffe und grinste zu den anderen.
Bren„Wenn das der Test ist, ist er klein.“
Das Ding sprang.
Es war kein Tier. Nicht richtig. Eher ein Bündel aus Zweigen, Knochen und altem Laub, zusammengehalten von etwas, das unter der Oberfläche glomm. Es traf den Ast, kletterte daran hoch und biss ihm in den Ärmel.
Der Schüler fluchte und schlug es gegen einen Baum. Das machte es nicht besser. Zwei weitere dieser Dinger kamen aus den Wurzeln.
Die Klasse geriet durcheinander.
Jemand schrie, jemand anderes rannte rückwärts und stolperte. Das Mädchen mit den Sommersprossen rief, wir sollten nicht treten, weil darunter noch mehr Wurzeln lagen. Der stille Junge zog den Gestürzten hoch. Für einen Moment blieb mein Körper zu lange stehen, während alles gleichzeitig geschah.
Dann sprang eines der Dinger Mara an.
Der erstbeste Stein lag plötzlich in meiner Hand und flog. Der Wurf traf nicht sauber, reichte aber, um das Bündel aus der Richtung zu bringen. Mara wich aus, zog ihr schwarzes Band vom Handgelenk und schlang es um einen tiefhängenden Ast. Mit einem schnellen Zug bog sie den Ast herunter, genau in den Weg des zweiten Dings. Es verhedderte sich darin. Der breite Schüler trat diesmal nicht blind zu, sondern hielt es mit dem Ast am Boden fest.
Mara„Nicht zerbrechen!“, rief Mara. „Festhalten!“
Bren„Warum?“
Mara„Weil sie sonst wieder aufstehen!“
Zwischen den Wurzeln glomm etwas Schwaches. Kein Kern, eher ein Rest. Die Zweigdinger bewegten sich nur, wenn dieses Glimmen stärker wurde.
Elias„Da unten“, sagte ich.
Mara folgte meinem Blick sofort. „Siehst du es?“
Elias„Ja.“
Mara„Dann mach was.“
Elias„Was denn?“
Mara„Nimm ihm den Boden.“
Keine gute Erklärung. Trotzdem war klar, was sie meinte.
Auf den Knien schoben sich meine Finger unter eine flache Steinplatte, die halb im Moos lag. Sie war schwerer, als sie aussah. Der rote Schatten kam wieder, diesmal schneller, und kroch von meinen Fingerknöcheln in die Ritzen des Steins.
Die Wut galt nicht den Dingern, sondern der ganzen Lage: dem Wald, der Schule, der Stimme und einem Tag, der sich ständig veränderte, bevor ich nachkam.
Der Stein unter meinen Händen wurde heiß.
Mara„Elias“, sagte Mara.
Nicht laut. Nur mein Name.
Die Bewegung stockte.
Der rote Schatten blieb.
Mara„Nicht drücken“, sagte sie. „Nur heben.“
Langsam ging der Atem hinaus. Dann hob sich die Platte, nicht mit Gewalt, sondern Stück für Stück. Das Glimmen darunter lag frei. Mara warf das schwarze Band darüber, und das Mädchen mit den Sommersprossen schüttete Erde darauf. Der stille Junge sprach ein fremdes Wort. Die Erde wurde dunkel und fest.
Die Zweigdinger fielen auseinander.
Eine Weile sagte niemand etwas.
Der breite Schüler sah auf seinen zerrissenen Ärmel. „Das war nicht der Kern, oder?“
Mara zog ihr Band aus der Erde, klopfte es aus und band ihr Haar damit zurück. „Nein.“
Bren„Gut“, sagte er. „Wäre peinlich gewesen.“
Ein paar lachten. Diesmal echt. Kurz, aber genug, um die Gruppe wieder atmen zu lassen.
Wir gingen weiter.
Der Wald wurde nicht freundlicher, aber lesbarer. Hohl klingender Boden unter dem Moos fiel nun eher auf; Mara erkannte, wann die Bäume uns in eine Richtung zwangen. Einmal hielten wir die Klasse an, weil der Weg vor uns zu glatt war. Der breite Schüler warf einen Stein darauf. Er sank ein, ohne ein Geräusch zu machen.
Mara„Gut“, sagte Mara zu mir. „Du hast es auch gesehen.“
Elias„Ich habe geraten.“
Mara„Nein. Du hast es gesehen und wolltest es nicht zugeben, falls es falsch ist.“
Eine Antwort kam nicht.
Sie ging weiter, und nach ein paar Schritten sagte sie: „Das ist etwas anderes.“
Der markierte Kern lag nicht auf einem Sockel und leuchtete nicht. Er lag halb unter einer Wurzel, kaum größer als eine Walnuss, glatt und grau. Wären nicht alle Wege der letzten Minuten genau darauf zugelaufen, hätten wir ihn übersehen.
Keiner griff sofort danach.
Schüler„Falle?“, fragte jemand.
Mara sah mich an. „Was meinst du?“
Die einfachste Antwort wäre gewesen: keine Ahnung. Nicht einmal gelogen. Doch unter der Wurzel war etwas zu spüren: kein Geräusch, keine Stimme, eher ein Druck, der sich veränderte, sobald jemand in der Gruppe unruhig wurde.
Elias„Nicht allein nehmen“, sagte ich.
Mara„Sondern?“
Der Blick ging zur Gruppe. „Alle still. Keiner bewegt sich. Nur zwei heben die Wurzel an.“
Der breite Schüler wollte schon vortreten, aber Mara hob die Hand.
Mara„Nein. Du hältst dahinten den Ast weg. Wenn die Wurzel nachgibt, fällt der sonst auf die Finger.“
Er sah beleidigt aus, tat es aber.
Mara kniete sich links neben die Wurzel, mein Platz war rechts. Gemeinsam schoben wir die Hände darunter. Diesmal kam kein Rot, nur Kälte. Sie zählte nicht herunter. Ein kurzer Blick genügte, dann hoben wir gleichzeitig.
Das Mädchen mit den Sommersprossen zog den Kern heraus.
Nichts griff uns an. Nichts brach auf. Der Wald blieb still.
Gerade deshalb fühlte sich der Fund echt an.