Staffel 1 · Kapitel 7
Der Einschlag
Als wir zurück auf den Hof kamen, war die Klasse schmutzig, zerkratzt und deutlich leiser als vorher. Holt wartete am Rand des Waldes. Er fragte nicht, ob wir Erfolg gehabt hatten. Er sah…
Als wir zurück auf den Hof kamen, war die Klasse schmutzig, zerkratzt und deutlich leiser als vorher. Holt wartete am Rand des Waldes. Er fragte nicht, ob wir Erfolg gehabt hatten. Er sah uns an, als wäre der Zustand der Gruppe die eigentliche Antwort.
Mara hielt den Kern in einem Tuch.
Mara„Gefunden“, sagte sie.
Darian Holt„Von wem?“, fragte Holt.
Mehrere Schüler sahen zu ihr. Einige zu mir. Der breite Schüler kratzte sich am Nacken.
Mara„Von uns“, sagte Mara.
Holt nickte, als sei das die einzige brauchbare Antwort gewesen.
Auf dem Hof standen inzwischen vier helle Linien. Sie waren mit Kreide gezogen worden, aber die Kreide glomm schwach, als läge Licht darunter. Neben jeder Linie wartete ein Lehrer.
Darian Holt„Das ist keine endgültige Einteilung“, sagte Holt. „Niemand von euch wird heute zu dem gemacht, was er für immer bleibt. Aber der erste Tag zeigt Richtungen. Manche von euch greifen nach Magie. Manche stellen sich zwischen Gefahr und Gruppe. Manche halten andere auf den Beinen. Manche sehen, was andere übersehen.“
Er zeigte auf die Linien.
Darian Holt„Magier. Ritter. Heiler. Späher.“
Die Worte gingen durch die Klasse. Nicht wie ein Jubel. Mehr wie ein Urteil, das jeder für sich prüfte.
Der breite Schüler wurde zu den Rittern geschickt und tat so, als hätte er nichts anderes erwartet. Das Mädchen mit den Sommersprossen kam zu den Spähern und konnte ihr Lächeln nicht ganz verbergen. Der stille Junge ging zu den Heilern, ohne überrascht zu wirken.
Mara wurde zu den Spähern gerufen.
Sie sah nicht stolz aus. Eher erleichtert. Als hätte jemand etwas ausgesprochen, das sie schon lange wusste und trotzdem hatte hören müssen.
Mein Name fiel lange nicht.
Ich stand mit vier anderen in der Mitte des Hofes, während die Linien um uns voller wurden. Holt sprach leise mit zwei Lehrern. Einer sah auf meine Hände. Der andere auf meine Schuhe, als könne dort eine Antwort stehen.
Mara kam noch einmal zu mir, bevor sie den Kern zur Kapelle bringen sollte.
Mara„Du bist übrig“, sagte sie.
Elias„Danke.“
Mara„Das ist nicht schlecht. Übrig heißt nur, dass sie sich nicht sicher sind.“
Elias„Das klingt genau wie schlecht, nur höflicher.“
Sie lächelte kurz. Dann wurde sie ernster.
Mara„Im Wald warst du nicht langsam. Du warst vorsichtig. Das ist hier selten genug.“
Ich sah zu den Linien. „Und wenn ich nirgends richtig passe?“
Mara„Dann passt du vielleicht dorthin, wo andere sonst Fehler machen.“
Das war nah an dem, was Holt gesagt hätte, aber bei ihr klang es weniger wie Unterricht.
Sie hob das Tuch mit dem Kern.
Mara„Ich bringe den weg. Danach will ich wissen, was sie mit dir machen.“
Elias„Vielleicht werfen sie mich wieder auf die Straße.“
Mara„Dann ziehe ich dich eben wieder rechtzeitig weg.“
Elias„So herum war es nicht.“
Mara„Ich erzähle es später trotzdem besser.“
Sie drehte sich um und ging zur Kapelle. Auf der ersten Stufe blieb sie stehen, um ihr Haarband neu zu binden. Diese kleine Bewegung merkte ich mir, ohne zu wissen, dass ich es tat.
Holt rief meinen Namen.
Ich wandte mich ab.
Darian Holt„Elias Vorn“, sagte er. „Du stellst dich vorerst zu keiner Linie.“
Ein paar Schüler sahen herüber. Ich spürte, wie mir Hitze ins Gesicht stieg.
Elias„Warum?“
Darian Holt„Weil du auf mehrere Arten reagierst.“
Elias„Ist das gut?“
Darian Holt„Es ist gefährlich, solange du es nicht kontrollierst.“
Das war keine Beleidigung. Es war schlimmer. Es klang sachlich.
Ich wollte etwas sagen, aber in diesem Moment wurde der Hof still.
Nicht weil Holt die Hand hob. Nicht weil jemand rief. Die Stille kam von oben. Ein Vogel, der eben noch auf dem Dach des Hauptgebäudes gesessen hatte, verstummte mitten im Laut. Die Fahnen an den Türmen hingen plötzlich reglos. Selbst die Schüler, die noch flüsterten, brachen ab, ohne zu wissen warum.
Mara stand auf den Stufen der Kapelle und sah hinauf.
Dann sahen wir es alle.
Der Himmel wurde nicht dunkel. Ein Stück Licht verschwand einfach. Hoch über dem Hof schob sich ein schwarzer Körper aus der Helligkeit, zuerst klein, dann mit jedem Augenblick größer. Er brannte nicht. Er zog das Licht an sich, als würde Feuer in seiner Nähe ersticken. An seiner Unterseite lagen Zeichen, kantig und fremd.
Eines davon kannte ich.
Nicht ganz. Nicht richtig. Aber ich hatte es in der Dunkelheit über der Karte gesehen, dort, wo die Kapelle gewesen war.
Holt schrie etwas.
Die Lehrer bewegten sich sofort. Vier Linien aus Licht sprangen vom Hof auf, nicht schön, nicht sauber, sondern hastig und stark. Magier hoben die Hände. Ritterlehrer rammten Stäbe in den Stein. Heiler zogen Kreise um die Schüler, die zu nah am offenen Hof standen. Überall rannte jemand.
Lehrer„Zum Hauptgebäude!“, rief ein Lehrer.
Lehrer„Nein! Weg davon!“
Lehrer„Schilde hoch!“
Der schwarze Stein fiel weiter.
Ich rannte, bevor ich wusste, wohin.
Nicht zum Hauptgebäude. Nicht zu den anderen. Zur Kapelle.
Mara hatte den Kern noch in der Hand. Sie stand nicht mehr auf der Stufe, sondern unten davor, als hätte sie nicht entscheiden können, ob sie hinein oder weg sollte. Der Hof zwischen uns war voller Bewegung. Jemand stieß mich an. Ich fiel fast, fing mich und lief weiter.
Elias„Mara!“
Sie hörte mich. Ich sah es. Ihr Kopf drehte sich.
Die Lehrer warfen ihre Magie zusammen. Für einen Augenblick sah es so aus, als hielten sie den Stein auf. Dann verschob sich seine Bahn. Nicht genug, um ihn zu stoppen. Genug, um ihn vom Hauptgebäude wegzuziehen.
Zum Tor.
Zur Kapelle.
Ich lief schneller.
Es reichte nicht.
Mara sah nach oben, dann wieder zu mir. Sie sagte etwas. Vielleicht meinen Namen. Vielleicht etwas anderes. Der Lärm nahm es weg.
Der Einschlag war nicht laut.
Zuerst war er weiß.
Ein Schlag aus Staub, Licht und Stein. Die Kapelle verschwand darin, die Stufen, die Tür, Mara, alles. Der Druck warf mich rückwärts. Ich schlug auf dem Hof auf, diesmal mit Schmerz. Richtiger Schmerz. Schulter, Rücken, Kopf. Für einen Moment war ich dankbar dafür, weil er bewies, dass ich noch da war.
Dann kam der Lärm zurück.
Schreie. Husten. Stein, der irgendwo nachrutschte. Ein Pferd oder etwas Ähnliches kreischte vor dem Tor. Jemand rief nach einem Lehrer. Jemand rief nach seiner Schwester. Der Staub war so dicht, dass ich kaum atmen konnte.
Ich drehte mich auf die Seite und spuckte Blut aus.
Die Kapelle war weg.
Nicht beschädigt. Nicht eingestürzt. Weg. An ihrer Stelle lag ein Krater aus zerbrochenem Stein und schwarzem Staub. Am Rand glommen Reste von Licht, als versuchte die Magie der Lehrer noch immer, etwas zusammenzuhalten, das es nicht mehr gab.
Ich stand auf.
Oder ich versuchte es. Mein rechtes Knie gab nach. Ich stützte mich mit einer Hand ab. Unter meiner Hand wurde der Hof rot.
Diesmal zog sich die Farbe nicht zurück.
Sie breitete sich zwischen den Steinen aus, langsam und dunkel. Ich sah den Krater. Ich sah die Stelle, an der Mara gestanden hatte. Ich sah im Staub etwas Schwarzes liegen, halb verbrannt, schmal wie ein Streifen Stoff.
Ihr Haarband.
In mir wurde alles still.
Nicht friedlich. Nicht leer. Still wie ein Raum, in dem gleich etwas zerbricht.
Ich wollte zum Krater. Ich wollte mit den Händen graben, obwohl jeder Teil von mir wusste, dass dort nichts zu finden war, das ich retten konnte. Ich wollte den schwarzen Stein anfassen, ihn herausreißen, ihn zertrümmern. Ich wollte die Zeichen verfolgen, die noch über dem Einschlagsort flackerten. Ich wollte jemanden finden, der dafür einen Namen hatte, und diesen Namen aus ihm herausbrechen.
Der rote Schatten kroch weiter.
Ein verletzter Lehrer packte meinen Ärmel. Ich erkannte Holt erst, als er meinen Namen sagte. Blut lief ihm von der Stirn über die Schläfe. Er kniete mehr, als dass er stand.
Darian Holt„Elias.“
Ich hörte ihn kaum.
Darian Holt„Elias.“
Ich sah ihn an.
Darian Holt„Nicht dahin“, sagte er.
Elias„Sie war dort.“
Darian Holt„Ich weiß.“
Elias„Sie war dort.“
Darian Holt„Ich weiß.“
Das machte mich wütender als jeder Widerspruch.
Elias„Dann lassen Sie mich los.“
Er hielt nicht fest genug, um mich wirklich aufzuhalten. Vielleicht wusste er das. Vielleicht hielt er mich nur fest, damit ich noch eine Entscheidung treffen musste.
Hinter ihm lag ein Schüler unter einem Stück Mauer. Der stille Junge von den Heilern versuchte, ihn zu beruhigen, aber seine Hände zitterten so stark, dass er kaum arbeiten konnte. Ein anderer Schüler saß daneben und presste beide Hände auf eine Wunde am Bein. Überall waren Verletzte. Überall brauchte jemand Hilfe.
Der Krater wartete.
Die Wut auch.
Ich zog den Ärmel aus Holts Griff.
Er schloss die Augen, als hätte er verloren.
Ich ging nicht zum Krater.
Noch nicht.
Ich ging zu dem Schüler unter der Mauer.
Elias„Hebt hier an“, sagte ich.
Meine Stimme klang fremd. Flach. Aber sie funktionierte.
Der breite Schüler von den Rittern kam sofort. Zwei andere halfen. Wir hoben nicht sauber, aber zusammen. Der verletzte Junge schrie, als wir ihn herauszogen. Der stille Heiler kniete sich zu ihm, diesmal sicherer, weil er etwas zu tun hatte.
Elias„Druck auf die Wunde“, sagte ich zu dem anderen Schüler. „Nicht loslassen.“
Schüler„Ich weiß nicht, ob ich das kann.“
Elias„Doch. Du machst es schon.“
Ich ging weiter.
Eine Lehrerin rief, alle Verletzten sollten in die Halle. Ich half, einen Jungen zu tragen, der nicht mehr richtig bei Bewusstsein war. Jemand drückte mir ein Tuch in die Hand. Ich band es um einen Arm, zu fest vielleicht, aber die Blutung wurde langsamer. Der rote Schatten blieb unter meinen Fingern, aber er ging nicht mehr voraus. Er folgte mir nur.
Als der erste Schwung Verletzter in der Halle lag, kam Holt neben mich. Er sah schlechter aus als vorher, aber er stand.
Darian Holt„Du hast das Zeichen gesehen“, sagte er.
Ich sah zum Hof hinaus. Über dem Krater hing noch ein Rest davon in der Luft, schwach und zerfallend. Die Linien lösten sich langsam auf.
Elias„Schon vorher“, sagte ich.
Darian Holt„Wann?“
Elias„Bevor ich hier war.“
Er fragte nicht weiter. Nicht jetzt.
Draußen trugen zwei Lehrer den schwarzen Stein frei. Er war kleiner, als er beim Fallen gewirkt hatte, aber immer noch groß genug, um die Kapelle aus der Welt zu schlagen. Seine Oberfläche war nicht glatt. Zeichen waren hineingeschnitten, tief und unregelmäßig. Kein Zufall. Kein Naturding. Kein Sturm.
Jemand hatte ihn geschickt.
Ich dachte an Mara auf den Stufen. An ihr trockenes Lächeln. An die Art, wie sie wartete, bevor sie sicher sprach. An ihre Hand an meinem Ärmel in der Straße. An ihr schwarzes Band im Staub.
Meine Wut wurde nicht kleiner.
Aber sie bekam eine Richtung.
Ich ging zurück zum Eingang der Halle. Der Hof war voller Staub, Blut und abgebrochener Befehle. Der erste Schultag war vorbei, auch wenn niemand es sagte. Nicht nach Stundenplan. Nicht nach Prüfung. Er war vorbei, weil etwas in diese Schule gegriffen und sich genommen hatte, was gerade erst begonnen hatte.
Holt stellte sich neben mich.
Darian Holt„Wenn du jetzt nur hasst“, sagte er, „gehörst du dem, der das getan hat.“
Ich antwortete nicht sofort.
Am Kraterrand fanden sie den Waldfund. Er war gesprungen. In seinem Inneren glomm noch ein letzter Rest Waldlicht, schwach und grün, fast verdeckt vom schwarzen Staub.
Elias„Ich hasse ihn trotzdem“, sagte ich.
Holt sah mich von der Seite an.
Darian Holt„Das glaube ich.“
Elias„Aber zuerst lernen wir, wie man ihn findet.“
Zum ersten Mal seit dem Einschlag wirkte Holt nicht wie ein Lehrer, der einen Schüler beurteilte. Er wirkte wie jemand, der eine schlechte Nachricht wiedererkannte.
Darian Holt„Ja“, sagte er. „Das werden wir.“
Ich blieb stehen, bis der Staub sich langsam senkte und die Umrisse des Hofes wieder sichtbar wurden. Die Kapelle kam nicht zurück. Mara kam nicht zurück. Nichts an diesem Ort wurde durch mein Hinsehen heil.
Aber ich sah hin.
Auf den Krater. Auf das Zeichen. Auf die Verletzten, die noch lebten. Auf den Wald hinter der Mauer, der still geblieben war, als hätte er alles gewusst und nichts verhindern können.
Dann ging ich zurück in die Halle und half weiter.