Staffel 2 · Kapitel 9

Elias' großer Tag

Am letzten Morgen der Woche standen vier Namen an der Tafel: Magier, Ritter, Heiler und Späher. Holt hatte sie in sauberer Schrift untereinander gesetzt und daneben die Schüler…

Elias' großer Tag – Kapitelbild

Am letzten Morgen der Woche standen vier Namen an der Tafel: Magier, Ritter, Heiler und Späher. Holt hatte sie in sauberer Schrift untereinander gesetzt und daneben die Schüler eingetragen, deren Richtung bereits feststand. Mein Name fehlte. Er fehlte nicht versehentlich; dafür sahen zu viele immer wieder zu der freien Stelle unter den vier Listen.

Die Unruhe begann schon vor dem Gong. Bren behauptete, Holt brauche nur eine fünfte Spalte, Nera hielt dagegen, dass man nicht für jeden schwierigen Schüler eine neue Richtung erfinden könne, und Senn sagte gar nichts. Er las die Namen an der Tafel so aufmerksam, als könnte meiner erscheinen, wenn er nur lange genug wartete.

Bren„Vielleicht schreibt er dich einfach überall dazu. Dann bist du viermal so viel wert und musst auch viermal so viele Aufgaben machen.“

Nera„Oder viermal so viele Fehler.“

Bren grinste, doch die Gespräche verstummten, als Holt eintrat. Er kontrollierte die Listen nicht. Er wusste, wer dort stand. Stattdessen kündigte er an, dass nach dem Mittag die letzten Zuordnungen besprochen würden. Dabei sah er nur einmal zu mir, kurz genug, um es Zufall nennen zu können.

In der Pause blieb die Hälfte der Klasse im Raum. Draußen war der Hof wieder geöffnet worden, nur der Weg zur Kapelle lag noch hinter der Absperrung. Niemand wollte dort hinsehen, also sahen alle auf die Tafel.

Bren„Ein Ritter bist du nicht. Dafür denkst du zu lange nach.“

Nera„Ein Späher auch nicht. Er sieht etwas und steht dann davor, bis es gefährlich wird.“

Elias„Gut, dass ihr das ohne mich klärt.“

Bren schob einen Stuhl herum und setzte sich verkehrt darauf. „Wir versuchen nur, Holt Arbeit abzunehmen.“ Von der Fensterseite kam ein leises Lachen. Es war nicht feindselig, aber auch nicht freundlich genug, um belanglos zu sein.

Schüler„Nennt ihn doch Wächter.“

Das Wort veränderte den Raum nicht so deutlich wie der Wald am ersten Tag, aber ich merkte, dass einige es kannten. Nera hob den Kopf. Bren hörte auf zu grinsen. Senn sah von der Tafel zu mir.

Nera„Woher hast du das?“

Schüler„Von einem aus der dritten Klasse. Nach dem Einschlag soll einer gesagt haben, Vorn hätte sich wie ein alter Wächter verhalten.“

Bren„Was ist daran alt?“

Schüler„Keine Ahnung. Die gibt es nicht mehr.“

Damit hätte das Gespräch enden können. Stattdessen blieb das Wort zwischen uns liegen. Es passte zu keiner Linie an der Tafel und gerade deshalb zu der freien Stelle. Bren sagte, ein Wächter müsse stark sein. Nera meinte, Stärke sei vermutlich der Grund, weshalb es keine mehr gebe. Senn strich mit dem Daumen über den Rand seines Heftes.

Senn„Beim Stein ist er zurückgegangen.“

Alle sahen zu ihm. Senn sprach selten vor der ganzen Klasse, und wenn er es tat, wartete niemand gern darauf, dass er sich wieder zurückzog.

Senn„Nicht wegen der Aufgabe. Wegen uns.“

Bren„Und danach hat er unsere Sachen an alle verteilt.“

Elias„Du hast dich darüber beschwert.“

Bren„Ich beschwere mich auch über richtige Entscheidungen.“

Diesmal lachten mehrere. Nur der Junge am Fenster nicht. Er lehnte sich zurück und betrachtete mich, als wäre die Sache bereits entschieden und nur noch nicht besonders interessant.

Schüler„Wächter von wem? Er hat doch nicht einmal Eltern, die sich beschweren könnten, wenn er dabei kaputtgeht.“

Das Lachen brach ab. Nicht vollständig. Irgendwo hinten entkam noch ein kurzes Geräusch, das sofort im Räuspern verschwand. Ich kannte das Wort Eltern. Ich wusste, was es bedeutete. Nur erschienen dazu keine Gesichter, keine Stimmen und kein Ort, an den ich hätte zurückkehren können. Es war kein verlorenes Bild. Es war eine leere Fläche, der jemand einen Namen gegeben hatte.

Die Hitze stieg mir in den Hals. Für einen Moment wusste ich nicht, ob ich traurig oder wütend werden sollte. Trauer verlangte nach etwas, das ich vermisste. Wut brauchte jemanden, dem ich die Schuld geben konnte. Beides fand keinen Halt, also suchte es sich den Jungen am Fenster.

Unter meiner Hand wurde die Tischkante warm. Nicht rot, noch nicht. Ich nahm die Finger weg und legte sie in den Schoß.

Nera„Du weißt nichts über ihn.“

Schüler„Ihr doch auch nicht.“

Nera„Dann sind wir wenigstens nicht stolz darauf.“

Bren stand auf. Er sagte nichts und musste es auch nicht. Der Junge am Fenster hob abwehrend beide Hände, als wäre alles nur ein schlechter Scherz gewesen. Vielleicht war es für ihn einer. Das machte es nicht besser.

Elias„Lasst ihn.“

Meine Stimme klang ruhiger, als ich mich fühlte. Bren sah mich an, prüfte etwas in meinem Gesicht und setzte sich wieder. Ich hätte dem Jungen gern geantwortet. Stattdessen fragte ich mich, warum seine Worte überhaupt treffen konnten, wenn ich mich an niemanden erinnerte, den sie mir nahmen.

Senn„Ein Wächter steht dort, wo jemand fehlt.“

Senn sagte es leise. Trotzdem hörte es jeder. Mein Blick fiel auf den leeren Stuhl neben mir. Ich dachte an Mara im Wald und an ihren Satz, dass ich vielleicht dorthin passte, wo andere Fehler machten. Damals hatte ich ihn für Trost gehalten. Jetzt klang er wie eine Aufgabe.

Nach dem Mittag wurden die letzten Schüler einzeln aufgerufen. Manche kamen erleichtert zurück, andere mit dem Gesicht eines Menschen, der gerade erfahren hatte, dass seine eigene Vorstellung nicht verbindlich war. Mein Name fiel zuletzt.

Holt wartete nicht allein. Neben ihm standen die Heilerin aus dem Hof und ein älterer Lehrer, dessen Namen ich nicht kannte. Auf dem Tisch lagen meine Aufzeichnungen, der Bericht aus dem Wald und ein Blatt, das fast leer war.

Darian Holt„Wir können dich keiner Richtung zuordnen, ohne einen Teil deiner Reaktion zu ignorieren.“

Elias„Dann tun Sie es nicht.“

Der ältere Lehrer hob eine Augenbraue. Holt blieb ruhig. „Was schlägst du vor?“ Ich hatte den Satz auf dem Weg hierher geübt. In meinem Kopf war er länger gewesen, vernünftiger und weniger endgültig. Vor den drei Lehrern blieb davon nur das übrig, was ich wirklich meinte.

Elias„Ich will Wächter werden.“

Niemand fragte, was ich damit meinte. Die Heilerin sah sofort zu Holt. Der ältere Lehrer legte seine Hand auf das fast leere Blatt, als müsste er verhindern, dass darauf von selbst etwas erschien.

Holt stand langsam auf. Zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, wirkte seine Ruhe nicht kontrolliert, sondern erzwungen.

Darian Holt„Wer hat dir dieses Wort gesagt?“

Dein eigener Weg beginnt in der Schule

Die öffentliche Geschichte zeigt den Anfang. Im Spiel formen Beziehungen, Unterricht und Entscheidungen deinen eigenen Verlauf.

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