Staffel 2 · Kapitel 11

Das Zimmer ohne Vergangenheit

Nach der Lehrerversammlung sah das Zimmer genauso aus wie am ersten Morgen. Das Bett war gemacht, die Bücher lagen gestapelt auf dem Tisch, und der Riss in der hellen Zimmerdecke führte…

Das Zimmer ohne Vergangenheit – Kapitelbild

Nach der Lehrerversammlung sah das Zimmer genauso aus wie am ersten Morgen. Das Bett war gemacht, die Bücher lagen gestapelt auf dem Tisch, und der Riss in der hellen Zimmerdecke führte noch immer schräg zum Fenster. Nichts hatte sich verändert. Gerade das wirkte falsch.

Ein bewohntes Zimmer hätte Spuren tragen müssen. Eine abgestoßene Tischkante. Einen Fleck, dessen Herkunft nur der Bewohner kannte. Etwas Nutzloses, das trotzdem aufgehoben worden war. Hier gab es nur Dinge, die einen Zweck erfüllten. Kleidung in meiner Größe. Bücher für meinen Unterricht. Brot für den ersten Tag. Einen Schlüssel ohne Schloss.

Er lag noch immer in der Innentasche der Tasche. Dunkles Metall, ein langer schmaler Bart und am Griff drei Kerben, die ungleich tief eingeschnitten waren. Beim ersten Anfassen hatte er kalt gewirkt. Diesmal war er warm.

Elias„Wofür bist du?“

Der Schlüssel gab keine Antwort. Aus der Wand kam ein leises Knacken. Holz arbeitete, sagte ein vernünftiger Teil meines Kopfes. Der andere wartete auf ein zweites Geräusch.

Schreibtisch, Schrank, Fenster und sogar die Unterseite des Bettes wurden abgesucht. Kein Schloss. Nicht einmal ein zugespachteltes Loch. Nur hinter der untersten Schublade verlief eine helle Linie im Holz, als hätte dort lange etwas gelegen. Der Schlüssel passte genau in diese Spur, aber zu nichts anderem.

Im Heft mit meinem Namen standen weiterhin keine Einträge. Gegen das Licht gehalten, zeigten sich jedoch Druckstellen auf der ersten Seite. Jemand hatte auf einem Blatt darüber geschrieben. Die Buchstaben waren fort, ihre Vertiefungen nicht.

Mit der Seite einer Bleistiftmine strich ich vorsichtig über das Papier. Graue Flächen erschienen. Dazwischen Linien, einzelne Winkel und etwas, das wie ein Name begann. Nach dem ersten Buchstaben brach die Spur ab. Nicht schwächer. Abgerissen.

InschriftE —

Der Strich dahinter war so tief, dass das Papier fast gerissen war.

Auf die nächste Seite kamen drei Sätze. Nicht als Erinnerung, sondern als Möglichkeiten.

InschriftIch war schon einmal hier.

InschriftJemand hat das Zimmer für mich vorbereitet.

InschriftJemand wusste, dass ich mich nicht erinnern würde.

Der erste Satz klang wahnsinnig. Der zweite vernünftig. Der dritte verband beide.

Beim Versuch, an ein Zuhause zu denken, erschien kein Haus. Stattdessen kam ein Flur mit zu vielen Türen. Weißes Licht lag auf einem schwarzen Boden. Eine Hand hielt mein Handgelenk fest. Nicht grob. Fest genug, damit ich nicht zurückwich.

Dann war wieder nur das Zimmer da.

Elias„Wer war das?“

Der Wecker tickte. Seit dem ersten Morgen hatte ich ihn nicht aufgezogen. Trotzdem bewegte sich der Sekundenzeiger.

Ein weiteres Bild schlug ein: Kreide auf Stein. Ein Kreis. Meine Knie darin. Jemand sagte ein Wort, doch der Ton fehlte. Die Lippen bewegten sich langsam genug, um sie lesen zu können.

InschriftTRENNEN

Ob es eine Erinnerung war, ein Traum im Wachzustand oder nur eine Idee, die sich wie beides verkleidete, ließ sich nicht unterscheiden.

Der Schlüssel fiel aus meinen Fingern. Auf der Tischplatte drehte er sich einmal und zeigte mit dem Bart zur Wand. Dort war nichts außer Putz und dem Schatten des Schranks.

Nach dem zweiten Drehen zeigte er wieder dorthin.

Elias„Das ist nicht lustig.“

Die eigene Stimme klang zu laut. Für einen Moment schien sie von einer anderen Stelle im Zimmer zurückzukommen. Nicht als Echo. Eher als hätte jemand denselben Satz einen Augenblick später wiederholt, ohne ihn ganz auszusprechen.

Der Schlüssel kam in die geschlossene Hand. Das Metall drückte gegen die Haut. Danach blieb nur das Bett, obwohl an Schlaf nicht zu denken war.

Irgendwann verschwand die Zimmerdecke.

Wieder hing ich in dem leeren Raum vom Anfang. Diesmal lag keine vollständige Karte darunter. Nur Bruchstücke schwebten in der Dunkelheit: ein Stück Schulhof, eine Treppe, ein fremdes Fenster, die Kapelle vor dem Einschlag. Zwischen den Teilen verliefen rote Linien, die immer dann erloschen, wenn mein Blick ihnen folgen wollte.

Elias„Zeig es mir.“

Du siehst es bereits.

Elias„Das sind Bruchstücke.“

Mehr wurde nicht freigegeben.

Elias„Von wem?“

Die Frage ist unvollständig.

Elias„Was wurde mir genommen?“

Nicht genommen.

Elias„Was dann?“

Getrennt.

Das Wort traf härter als im Zimmer. Ein weißer Blitz zerriss die Dunkelheit.

Eine Frau stand vor einer Tür und hielt den Schlüssel in der Hand. Ihr Gesicht blieb unscharf, obwohl alles andere scharf war. Hinter ihr brannte kein Feuer, doch die Luft flimmerte. Sie sagte: „Nicht wieder.“ Ob sie mit mir sprach, ließ sich nicht erkennen.

Der nächste Blitz zeigte Holt, jünger und ohne graue Schläfen. Vielleicht war es nicht Holt. Der Mann trug sein Gesicht, aber nicht seinen Blick.

Dann eine steinerne Treppe unter der Schule. Blut an einer Stufe. Meine eigene Hand schrieb etwas auf ein Formular. Die Schrift war dieselbe wie auf dem Umschlag des Heftes.

Das Bild sprang weiter, bevor der Text lesbar wurde.

Elias„War ich dabei?“

Ja.

Elias„Habe ich es gewollt?“

Keine Antwort.

Elias„Ist Elias Vorn überhaupt mein Name?“

Er gehört dir.

Elias„Das war nicht meine Frage.“

Doch.

Für einen Moment schwebte der Schlüssel vor mir. Seine drei Kerben waren verschwunden. Dann waren es vier. Dann keine. Mit jedem Blinzeln änderte sich der Bart.

Elias„Welche Tür öffnet er?“

Keine, die du kennst.

Elias„Wo ist sie?“

Du bist an ihr vorbeigegangen.

Alle Bruchstücke unter mir kippten gleichzeitig. Die Schule fiel nach oben. Der leere Raum zog sich zusammen, bis nur noch ein schmaler Spalt übrig war. Dahinter stand jemand mit meinem Gesicht und klopfte von der anderen Seite.

Beim Erwachen lag die Hand vor meinem Gesicht. Der Schlüssel steckte so fest darin, dass seine Kanten Abdrücke hinterlassen hatten. Der Wecker war stehen geblieben.

Auf dem offenen Heft stand unter den drei Sätzen eine vierte Zeile. Die Schrift ähnelte meiner. An das Schreiben erinnerte ich mich nicht.

InschriftNICHT DIE TÜR. DER WEG DORTHIN.

Der Bleistift lag zerbrochen auf dem Boden.

Vom Gang kam das Geräusch eines Schlosses. Ein einzelnes, trockenes Klicken.

Der Schlüssel drehte sich in meiner geschlossenen Hand, obwohl sich in diesem Zimmer kein Schloss befand.

Dein eigener Weg beginnt in der Schule

Die öffentliche Geschichte zeigt den Anfang. Im Spiel formen Beziehungen, Unterricht und Entscheidungen deinen eigenen Verlauf.

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